Lesbar. Empfehlungen von Martin G. Wanko

Die Wüste lebt – zumindest literarisch

Gleich zwei Autoren haben ihre neuen Geschichten in der Wüste angesiedelt.

Romane. Dave Eggers ist so etwas wie ein großer Abenteuerliterat in der Neuzeit. Seine Geschichten umspannen oft den ganzen Globus. Dieses Mal landet er an der Küste von Saudi-Arabien, wo mithilfe der neuesten IT-Technik aus den USA für den amtierenden König eine moderne Metropole aus der unendlichen Wüste gestampft werden soll. „King Abdulah Economic City“, so der protzige Name, doch als die vier Amerikaner ankommen, gibt es noch nichts. In einem Zelt müssen der 54-jährige Geschäftsmann Alan Clay und seine drei jungen Kollegen warten, bis etwas passiert. Wacklige Internetverbindungen, überhitzte Luft und ein König, der auf sich warten lässt: schlechte Aussichten für Alan, der diesen Mega-Deal dringend benötigt, denn zu Hause kann er sich nicht einmal die Universitätsgebühren für seine Tochter leisten – ein Mann am Abgrund.

Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor schafft es Dave Eggers in „Ein Hologramm für den König“, aus dem Vollen zu schöpfen, also auch heute noch ein Werk zu schreiben, das die amerikanische Erzähltradition in sich birgt und das eher spröde Thema Wirtschaft zum Leben erweckt. Heraus kommt eine packende Globalisierungsgeschichte: Alan Clay war ein guter Verkäufer, er hatte auch das Gespür für den Menschen, bis er mit Produktionsdeals in Osteuropa und China seine Fahrradfabrik in einer irritierenden Freiwilligkeit an die Wand fuhr. Und nun ist er sprichwörtlich im Treibsand angelangt, ausgeliefert. Der Druck wächst, auch von seinen mitgereisten jungen Kollegen, denn schlussendlich ist er für den Deal verantwortlich. In der Zeit, die ihm bleibt, erzählt er mosaikartig, wie er in diese schier ausweglose Situation geschlittert ist.

Bäume und Granaten

Liest man Dave Eggers Geschichte doch mit der Lust, einen fiktiven Roman in den Händen zu halten, ist Kevin Powers Werk „Die Sonne war der ganze Himmel“ dem Genre Kriegsrealismus zuzuordnen, trotz der präzisen literarisch hochwertigen Landschaftsbeschreibungen, der Wüste im Irak, sowie des aufkeimenden Frühlings. Es ist ein authentischer Erfahrungsbericht eines jener jungen Soldaten, die man vor rund zehn Jahren in das Verderben schickte. Eine Geschichte zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Wahrheit und Lüge, sehr gut aufgeteilt in elf zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Kapiteln. Kevin Powers, selber als Soldat im Irak-Krieg, schreibt sich die Geschehnisse von der Seele, eine Stimme also aus der letzten „Lost Generation“, der zu wenig Gehör geschenkt wird. Es geht hier um die Freundschaft zwischen den Soldaten John Bartle und Daniel Murphy. Der schrille Ton der Mörsergranaten, der Geruch von verbranntem Fleisch und dazu als Kon­trastbild die blühenden Bäume – Bilder, die man aus vielen Antikriegsromanen kennt. Die Intensität seiner Sprache ist hervorragend – eine Mischung aus Abgebrühtheit und literarischem Feinschliff.

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