Kommentar

Christa Dietrich

Aufruhr notwendig

Gotteslästerung, wie immer man sie definiert und in welcher Form sie sich auch zeigt, soll in Russland in Zukunft noch härter bestraft werden als bisher. Dass auch die notwendige Kritik an der Politik – so man sie in Anwesenheit von religiösen Symbolen äußert – in diese Kategorie fällt, wissen wir, seit den Mitgliedern einer Punkband wegen Rowdytums und angeblichen religiösen Hasses der Prozess gemacht wird. Die Schlussziehung, dass der, der Kreml-Chef Wladimir Putin kritisiert, für die russische Justiz also auch Gott lästert, mag etwas verwegen sein, sie ist aber nicht falsch.

Die Absurdität des Prozessverlaufs wurde von Beobachtern in aller Welt schon zu Recht angeprangert, bevor nun feststand, dass eine Musikerin in erster Instanz ebenfalls zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, obwohl sie sich am Protestsong in der Erlöserkirche gar nicht mehr beteiligen konnte.

Es bleibt nun, die weltweiten Reaktionen zu vermerken. Von jenen Gläubigen, die Genugtuung angesichts der Strafen verspüren, zu erwarten, dass sie den hohen Grad ihrer Gotteslästerungsbereitschaft hinterfragen, wenn sie den Kreml-Chef wie einen Schutzheiligen verehren, das brauchen wir wohl nicht.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Aufgrund des Ortes des Protests müssten die Musikerinnen wohl auch bei uns mit Geldstrafen rechnen, aber selbstverständlich nicht mit Haft. Eine Demo­kratie verträgt Aufruhr. Pussy Riot trägt ihn schon im Bandnamen.

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