Mini Med-Nachbericht: Schmerz – ein starkes Signal unseres Körpers

Schmerztherapie hat Grenzen

von Marlies Mohr
Otto Gehmacher konnte vor einem vollen Saal referieren. Aufmerksamkeit war ihm sicher.  Foto: VN/Hofmeister
Otto Gehmacher konnte vor einem vollen Saal referieren. Aufmerksamkeit war ihm sicher. Foto: VN/Hofmeister

Patienten fühlen sich oft alleingelassen. Forderung nach Schmerzambulanz erhoben.

Feldkirch. (VN-mm) Chronischer Schmerz ist ein sehr emotional besetztes Thema. Das zeigte sich bei der ersten Mini Med-Veranstaltung im Herbstsemester. Verzweifelte Patienten beklagten Unzulänglichkeiten in der Schmerztherapie. Sie fühlen sich alleingelassen, zum Teil nicht einmal ernstgenommen. Ebenfalls lautstark kritisiert wurde das Fehlen einer Schmerzambulanz. In diesem Spannungsfeld müssen Ärzte tagtäglich agieren. Und trotz größtem Bemühen gelingt es in vielen Fällen nicht, Betroffene gänzlich schmerzfrei zu bekommen. „Das ist Illusion“, räumte auch OA Dr. Otto Gehmacher, Leiter der Palliativstation im LKH Hohenems, frank und frei ein. Denn die Ursachen von chronischem Schmerz sind komplex und betreffen den Körper ebenso wie die Seele. Bio-psycho-soziales Schmerzmodell nennt es die Medizin heute.

Wichtige Kompetenz

Die Kompetenz, Schmerz zu beurteilen und zu behandeln, ist in allen Bereichen der Medizin zu einem wichtigen Thema geworden. Denn schon 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung plagen sich mit chronischen Schmerzen. Nicht nur das. „Es kostet auch Geld“, verdeutlichte Otto Gehmacher. 6 bis 8 Prozent der Gesundheitsausgaben entfallen auf Schmerzpatienten. Während sich jedoch der akute Schmerz weitgehend behandeln lässt, sieht es bei chronischem Schmerz schlechter aus. „Warum Schmerz chronisch wird, ist nicht eindeutig geklärt. Psychosoziale Faktoren spielen aber eine wesentliche Rolle“, erklärte Gehmacher den Besuchern im vollbesetzten Panoramasaal des LKH Feldkirch.

Von Chronifizierung spricht die Medizin, wenn Schmerz länger als sechs Monate anhält. „Die Schmerzbahnen sind ständig aktiv und senden Schmerzsignale ins Gehirn. Das bremsende System hingegen ist blockiert“, so der Internist. Schmerz selbst wird über die Nervenbahnen ins Rückenmark geleitet, wo sich eine Art Umschaltstelle befindet. Dort kann sich der Schmerz verstärken oder abschwächen.

Schmerzgedächtnis

Laut Gehmacher besteht zum einen eine Veranlagung zu Schmerz, zum anderen beeinflussen Komponenten wie Einsamkeit, Stress, Überforderungen oder Gewalterfahrungen in der Kindheit eine Schmerzsituation. Das Gehirn speichert solche Erlebnisse, die aufbrechen, wenn sich eine ähnliche Situation einstellt. „Schmerz ist also ein Miteinander von körperlichen und psychosozialen Ursachen“, stellte der Leiter der Palliativstation fest. Das sei für Patienten oft schwer zu begreifen. Aus medizinischer Sicht gelte es, die sozialen Faktoren stärker zu berücksichtigen. Eine gänzliche Schmerzfreiheit kann die Medizin trotzdem nicht bieten. „Obwohl wir das gerne würden“, ergänzte Otto Gehmacher. Doch das Therapieziel sei oft gar nicht völlige Schmerzfreiheit, sondern der Erhalt der Aktivität. Dabei können auch Worte lindernd wirken, wenn ihnen eine positive Stimmung innewohnt.

Hohe Suchtgefahr

Das große Problem bei der medikamentösen Behandlung sind mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten sowie die Suchtgefahr. „Hohe Dosen von Morphin machen mehr Probleme als sie lösen“, veranschaulichte Gehmacher. Auch Cannabis zeitigt häufig unangenehme Nebenerscheinungen. Gute Erfolge hingegen bringt das Chillipflaster, das bei Nervenschmerzen eingesetzt wird. Daten belegen eine deutliche Schmerzlinderung von 2 bis 3 Monaten. Auch regelmäßige Bewegung, Entspannungsübungen, Physio- und Verhaltenstherapie sind Optionen für den Umgang mit chronischem Schmerz. „Das ist aber mitunter ein sehr langer Weg“, musste Gehmacher zugeben. Im LKH Hohenems besteht ein interdisziplinäres Schmerzboard, mithilfe dessen gemeinsam Strategien gegen komplexe Schmerzen entwickelt werden.

Schmerzverstärker

Über Schmerzen in der Onkologie berichtete OA Dr. Alois Lang vom Landeskrankenhaus Feldkirch. „Schmerz ist das, was der Patient sagt, und Schmerz existiert, wann immer es der Patient sagt“, brachte der erfahrene Onkologe die Sache für seinen Wirkungsbereich auf den Punkt. Bei Krebs führt akuter Schmerz zudem zur Diagnose, verändert er sich, ist das ein Zeichen für einen sich ändernden Krankheitsverlauf. Lang verwies darauf, dass auch Haltungen schmerzverstärkend wirken können, etwa gegen die Krankheit anrennen zu wollen. Derzeit laufen weltweit Untersuchungen für eine bessere Schmerzbehandlung.

Fragen aus dem Publikum.

Ich bin Schmerzpatient, mache aber trotzdem Bewegung. Danach sind die Schmerzen jedoch größer. Kann ich dadurch meinem Körper schaden?

Gehmacher: Die Regelmäßigkeit ist das Entscheidende. Und es ist wichtig, sich bei Schmerzen nicht gleich wieder zurückzuziehen. Steigern Sie die Leistungsfähigkeit langsam, übertreiben Sie es nicht. Sie sind auf dem richtigen Weg. Auch Schmerzpatienten sollen Eigeninitiative entwickeln.

Nur wenn ich schlafe, bin ich schmerzfrei. Was kann ich tun?

Gehmacher: Leider können wir nicht allen Patienten eine völlige Schmerzfreiheit gewährleisten. Oft ist es nur möglich, eine gewisse Schmerzlinderung zu erzielen. Das macht die Sache frustrierend, sowohl für den Betroffenen wie für den Arzt.

Ist das psychisch bedingt, denn ansonsten bin ich gesund?

Gehmacher: Eine belastete Psyche wäre ein Ansatz, Linderung zu erreichen. Ich muss jedoch einräumen, dass es auch für mich und andere, mit Schmerz befasste Kollegen, Grenzen in der Behandlung von Schmerzpatienten gibt.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Fibromyalgie, und was halten Sie von der Kältekammer?

Gehmacher: Bei der Fibromyalgie handelt es sich um ein sehr komplexes Krankheitsbild, wobei die Behandlungserfolge leider nicht sehr groß sind. Zur Kältekammer kann ich nichts sagen, da ich keine Erfahrung damit habe.

Wie geht man mit Schmerzen um, die durch Fibromyalgie entstehen?

Gehmacher: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Die Krankheit, bei der viele Gelenke und Muskeln betroffen sind, wird von verschiedenen medizinischen Disziplinen behandelt. Die Schmerzwahrnehmung ist bei Fibromyalgie sehr hoch. Die gilt es, medikamentös herunterzubringen. Allerdings muss man aufpassen, den Patienten nicht in die Sucht zu treiben. Entspannungsverfahren oder Musiktherapie können Linderung bringen.

Wäre es nicht dringend an der Zeit, in Vorarlberg eine Anlaufstelle für Schmerzpatienten oder eine Schmerzambulanz einzurichten? Es gibt hier gar nichts. Man wird als Betroffener immer nur weitergeschickt.

Gehmacher: Eine diesbezügliche Forderung gibt es schon lange, und ich unterstütze sie. Die Frage ist, wer das finanzieren soll, denn eine solche Abteilung benötigt ein großes Therapeutenangebot.

Ich habe sehr lange nach einem multimodalen Schmerzkonzept gesucht. Gibt es so eines?

Gehmacher: Ja, es gibt Einrichtungen, die das anbieten. Man muss sich aber im Einzelfall anschauen, was der Patient benötigt und ob das Angebot passt. Ansonsten gibt es nur Unzufriedenheit.

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