„Beim Schreiben ist Blödsinn möglich“

Die Schüler der DL2-Klasse der Polytechnischen Schule Feldkirch lesen im Theater am Saumarkt.

Die Schüler der DL2-Klasse der Polytechnischen Schule Feldkirch lesen im Theater am Saumarkt.

Der erste Vorarlberger Schulhausroman wird auf der Buch am Bach präsentiert.

Schwarzach Eine weitere Premiere gibt es auf der siebten VN-Kinder- und Jugendbuchmesse Buch am Bach. Gleich am Eröffnungstag, am Dienstag, 19. Juni, präsentieren die Schüler der Mittelschule Feldkirch-Oberau und der Polytechnischen Schule Feldkirch auf der Aktionsbühne die ersten beiden Vorarlberger Schulhausromane. Doch was ist denn eigentlich ein Schulhausroman? „Dabei entwickelt eine Klasse mit einem echten Autor eine Geschichte“, erklärt Frauke Kühn von literatur:vorarlberg netzwerk, auf deren Initiative hin das Projekt ins Ländle geholt wurde. Die Grundidee besteht darin, im Rahmen einer festgelegten Anzahl von Klassenbesuchen ein Buch zu schreiben. Und zwar von den ersten Ideen bis zum druckfertigen Manuskript.

Literatur macht Spaß

Dabei punktet nicht automatisch, wer gut in Deutsch ist. Viel wichtiger ist, dass ein Text entsteht, mit dem sich die Kinder und Jugendlichen identifizieren können. „Dialekt und Jugendsprache dürfen deshalb selbstverständlich auch mit rein“, sagt Kühn und beschreibt die Besonderheit damit, dass es fern jeglicher Leistungsbeurteilung stattfindet. Dennoch waren die Schüler anfänglich wenig begeistert von der Idee, einen Roman zu schreiben. „Verständlich“, so die Literaturexpertin. Sie weiß, dass viele im Laufe ihrer Schulzeit ständig nur negative Erfahrungen mit Literatur gemacht haben, etwa durch schlechte Benotung oder bei Migrationshintergrund durch fehlende Deutschkenntnisse. Niklas Hipp aus der 2a der Mittelschule Feldkirch Oberau gibt das auch offen zu. Wie langweilig, sei sein erster Gedanke gewesen, als die beiden Klassenvorstände, Ingrid Scharf und Birgit Pleunik, vom Projekt Schulhausroman erzählten. Außerdem hätte der Zwölfjährige mit Lesen und Büchern sowieso nie viel am Hut gehabt. „Tüfteln“, ja das mache ihm Spaß und Handwerken, denn er wolle wie sein Vater einmal Schlosser werden.

Dass er nun ein fertiges Buch in Händen hält, dessen Inhalt eine Geschichte ist, zu der auch er einen Teil beigetragen hat, macht den Burschen stolz. „Das mit der Tarantel im Kapitel Affenzauber kommt von mir“, erzählt Niklas Hipp begeistert und teilt seine Freude mit Autor Christian Futscher. Es sei genau das passiert, was auch passieren hätte sollen. Berührungsängste wurden abgebaut und die Literatur tat, was sie am besten kann. „Sie hat uns allen unglaublich viel Spaß gemacht“, reflektiert Futscher und fügt hinzu: „Wenn die Schüler feststellen, dass Blödsinn möglich ist und nicht braves Aufschreiben im Vordergrund steht, dann können sie ihre Fantasie sprudeln lassen und es entstehen witzige Sachen.“ Auch brennende Fragen aus dem Alltag der Jugendlichen wie Familie und Gesellschaft, Liebe und Gewalt, Pubertät und Sexualität, Migration und Integration etc. werden offen thematisiert und diskutiert. So entstand in der DL2-Klasse der Polytechnischen Schule eine spannende Geschichte um einen Prinzen, der am liebsten Veggie-Leberkässemmel rot-weiß-grün isst. Der Roman selbst dreht sich um Liebe und Liebeskummer, aber auch Eifersucht und Rache. Zudem haben sich die Schüler gemeinsam mit Autor Jürgen-Thomas Ernst in die Vergangenheit ihrer mittelalterlichen Heimatstadt Feldkirch geschrieben.

Reine Notwehr

Die Idee zum Schulhausroman kommt von Richard Reich. „Nach der Veröffentlichung meines ersten Buches bin ich zu einer Lesereise in die Schulen Zürichs eingeladen worden“, erinnert sich der Journalist und Autor zurück. Doch seine Texte bekamen wenig Zuspruch. „Die Jugendlichen haben offenbar von meinen Texten außer Liverpool und Ferrari kein Wort verstanden.“ Das hätte bei Reich zu mittleren Panikattacken geführt, denn es langen noch gut 30 Lesungen vor ihm. „Ich suchte deshalb das Gespräch mit den Jugendlichen, interviewte sie und bezog sie aktiv mit ein“, erzählte er und gestand: „Ich handelte dabei mehr oder weniger aus Notwehr.“ Dabei merkte Richard Reich, dass etwas, das bei den Jugendlichen schriftlich nicht funktioniert, mündlich plötzlich geht. „Mit dem Mikrofon in der Hand habe ich die Jugendlichen zum Reden gebracht und ihnen anschließend gesagt, dass ihre Erzählungen Stoff für einen Text sein können.“ Damit gelang Reich etwas ganz Besonderes: Er brachte die Schüler zum Schreiben. Gemeinsam mit der Germanistin Gerda Wurzenberger erarbeitete der 56-Jährige anschließend das Konzept für das Projekt „Schulhausroman“. Das war 2005. Seit damals entstand eine Vielzahl von Büchern. Auch in Deutschland und in Österreich.

Buch und Lesung

Es ist ein fixer Bestandteil, dass jeder Schüler ein gedrucktes Buch in Händen hält. Die Namen der Schreibenden werden dabei neben dem Inhalt veröffentlicht. Das macht das Ergebnis der gemeinsamen Leistung sichtbar.

Höhepunkt ist jedoch die Abschlusspräsentation vor Publikum. Die Besucher der siebten VN-Kinder- und Jugendbuchmesse Buch am Bach in Götzis können live mit dabei sein, wenn die Schüler vorlesen, was beim Spielen mit der Sprache und beim Ausloten von Sinn und Unsinn entstehen kann. Eins sei vorweg schon verraten: Der Spaß kommt nicht zu kurz.

<p class="caption">Den ersten eigenen Roman in Händen: Ein ganz besonderer Moment für Alina Illmer, Borja Fermin und Niklas Hipp (v. l. n. r).</p>

Den ersten eigenen Roman in Händen: Ein ganz besonderer Moment für Alina Illmer, Borja Fermin und Niklas Hipp (v. l. n. r).

Schulhausroman

Dienstag, 19. Juni, Aktionsbühne; MS Feldkirch Oberau: 9.45-10.15 Uhr; PTS Feldkirch: 11.45-12.15 Uhr

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